Kurze Krebs-Biographie von Jens Rusch

 

Die ganze Geschichte lesen Sie bitte ausführlich auf der Seite Jiaogulan - Vom Höllenritt zur Unsterblichkeit

  • Oktober 2001: Diagnose Zungengrundtumor, erste Operation, leider keine komplette Entfernung. Radical Neck-Dissection, entfernen von 16 Lymphknoten, 35 cm lange Narbe, Haut wurde vom linken Ohr bis zu den Wangenknochen angehoben.
  • November 2001: Zweite Operation "Tief ins Gesunde", Tracheostoma, Luftröhrenschnitt. Schädigung des Kehlkopfes
  • Januar 2002: Erste radiologische Behandlung des Mund-und Rachenraumes, Zerstörung der Speicheldrüsen, Chemo-Therapie
  • Februar 2002: Schmerztherapie versagt, starke Gewichtsabnahme, legen einer Bauchsonde auf eigenes Betreiben. Ernährung durch den Schlauch. Morphium in hohen Dosen. Entzugserscheinungen.
  • April 2002: Brachy-Therapie, Entzündung des Tracheo-Stomas.
  • 2002 bis 2005 Spätfolgen: gelartige Speichel-Mutationen oder Totalausfall des Mundspeichels, Narbenzug, ohnmachtsähnliche Fatique-Symptome, Depressionen.
  • 2005: Erster Auslandsaufenthalt nach der Therapie in Thailand, dort erste Begegnung mit Jiaogulan.
  • 2006: Essen der frischen Blätter und regelmäßiges Trinken des selbstangebauten Tees, Frequenz der Fatique-Anfälle reduziert sich kontinuierlich.
  • 2006 - 2007 Deutliche Zunahme der Vitalität, kaum noch Depressionen, großer Arbeitseifer und konzentrierte Ateliertätigkeit. Erste Verschenkaktionen von Ernte-Überschüssen.
  • Seit 2007 wurden mehrere tausend Jiaogulan-Pflanzen an Betroffene in temporären Aktionen von Jens Rusch verschenkt.
  • 2008 Fernsehsendungen und Presseartikel lassen die Nachfrage zur Belastung werden, Händler geben sich fälschlich als Betroffene aus, um die begehrte Pflanze zu erhalten.
  • 2009 Experimente und Rezepte, Veröffentlichung auf eigener Website und bei Facebook
  • 2014 Um die Belastung durch die Nachfrage noch steuern zu können, melden Jens und Susanne Rusch ein Gewerbe an und versenden Jiaogulan jetzt bundesweit gegen Kostenerstattung.

 

In die "Röhre" Foto: Marco Freitag
In die "Röhre" Foto: Marco Freitag

US National Library of Medicine National Institute of health:
 
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=jiaogulan+cancer


Diagnose "Zungengrundtumor"

Die Krebsdiagnose, das Desaster unausweichlicher Verletzungen an Körper und Psyche, der Startschuss zu einem Höllenritt ohne jegliche Vorwarnung. Hiermit beginnen die nachstehenden Notizen und Gedächtnisprotokolle des norddeutschen Künstlers Jens Rusch.

 

Wirre "Frontberichte" unter dem Einfluss von Morphium und Schmerzmittel: Der Tunnel am Ende des Lichts.

Während eines Thailand-Aufenthaltes lernt er das sogenannte "Unsterblichkeitskraut" Jiaogulan auf einem Nightmarket kennen. Die Pflanze sollte sein Leben verändern.

 

Rusch mag keine Bücher, die unmittelbar nach einer überstandenen Therapie unter dem Stichwort "Wie ich den Krebs besiegte" veröffentlicht werden. Er sammelte stattdessen 12 Jahre lang seine Erinnerungen und zieht sie jetzt auf den roten Faden, den man "Leben" nennt.


"Raumforderung"

 

Wachtelei-, dann taubeneigroß. Nicht sensationell, aber an meinem Hals definitiv fehl am Platz. Kann man auch nicht ausdrücken wie einen Pubertätspickel. „Sammeln Sie Treuepunkte?“ „Nein, das ist Akne“. Wenn ich das Ding im Spiegel erblicke, muss ich an diesen Fernsehspot denken:

Ein Ehepaar bei der Morgentoilette: Er bemerkt einen dunklen Fleck am Hals, sie putzt sich die Zähne. Neuer Tag. Der Fleck ist größer geworden, er drückt dran herum. Sie putzt ihre Zähne. Neuer Tag. Der Fleck ist nun bereits sehr groß, sie schaut ihn mit der Zahnbürste im Mund erschrocken an. Neuer Tag. Sie steht jetzt allein vorm Spiegel und putzt sich sehr, sehr bedächtig die Zähne.

Ein guter Bekannter, ich zögere jetzt, aus der zeitlichen Distanz, ein verbindlicheres Wort zu verwenden, ist in der Lage, eine erste Sonographie von meinem Eierhals zu machen. Glitschig, leise und auf dem Bildschirm sieht es aus, wie auf einem fremden Planeten. Auch für ihn, den Chefarzt, nicht so ohne Weiteres zu entziffern. Er speichert und will kompetenten Rat bei einem Kollegen suchen. „Kann durchaus auch eine harmlose Lymphschwellung sein, das kommt häufig vor“. So kommt die erste der Plattitüden daher, mit der man sich in eine Unverbindlichkeit flüchtet. Ich soll einen derben Haufen davon kennen lernen.

Nach drei Wochen ohne ein Signal, ohne einen Befund, ist der frankensteinsche Knopf an der linken Halsseite fast so groß wie ein kleineres Hühnerei und einem befreundeten Zahnarzt platzt der Kragen, der eigentlich mir hätte platzen sollen. Erst später begreife ich, welch fatales Instrument unsere Psyche für Weicheier bereit hält: Verdrängung. Ein bunter Strauß von Rückzugsmöglichkeiten: Weghören, Positives optimieren, Wegsehen, selektiv wahrnehmen, saufen. Niemand nimmt bislang das Wort „Krebs“ in den Mund. Tumore haben andere. Auf einem anderen Planeten. Als wir dann erfahren, dass der alarmierende Befund bereits über zwei Wochen auf dem Schreibtisch meines ehemaligen Chefarzt-Freundes liegt und eine „Punktierung“ dringend angeraten wird, bestimmt mein Zahnarztfreund die nächsten Schritte. Und diese im Eiltempo. Ich denke bei diesem fremden Wort zunächst an Interpunktion.

Das nächste Fremdwort klingt ähnlich harmlos, obwohl die untersuchende Ärztin es fast schreiend diktiert: „Raumforderung!“

In die Hektik assoziiere ich dummes Zeug wie „Volk ohne Raum“ und „Raumzeit – mehr Raumzeit“. Als mir klar wird, dass es sich auch hier wieder um eine kunstvolle Form sprachlicher Verdrängungsangebote handelt, schwadroniere ich über „Entsorgungspark“ für Atommüll über eine endlose Schleife verharmlosender Wortschöpfungen. Eine umgangssprachliche Genesis, die uns hilft, bedrohende oder beängstigende Dinge gefälliger zu verpacken. Ein Kiefernorthopäde, der haargenau am gleichen Tag wie ich das diffuse Licht der norddeutschen Aprilwelt erblickte, ergreift eine bemerkenswerte Initiative. Fast so, als wolle er die vertrödelte Zeit wieder einholen und expediert mich im Eiltempo in die Uni-Klinik in Kiel.

Operations-vorbereitung online

Während Suse die wenigen vorhandenen Dinge, die uns nützlich erscheinen, für einen unbestimmbar langen Klinik-Aufenthalt zusammenpackt, suche ich im Internet nach Informationen, wie denn solch ein „Zungengrundtumor“ angegangen werden kann. Unzählige Foren in denen Krebserfahrene die Fragen von „Erstbetroffenen“ beantworten. Auch wieder so ein bislang ungeläufiges Wort, aber in diese Schlange stelle ich mich erst einmal. Von Folgeoperationen ist dort die Rede, von Regelfällen, in denen zunächst der Zungengrund, dann der Kehlkopf und dann die Luft-und Speiseröhre.... Ich will das eigentlich alles gar nicht so genau wissen.

So langsam beginne ich zu begreifen, dass die Evolution die Fähigkeit, zu verdrängen, nicht so ganz ohne Grund in unseren Werkzeugkasten gelegt hat. Mein alter Freund Emil Hecker, der den ersten Weltkrieg bei Verdun miterleben durfte, erzählte mir einmal davon, dass neben ihm im Schützengraben einem Kameraden ein Arm abgeschossen wurde. Er sah kurz zu dem Stumpf, aus dem Blut sprudelte und schoss dann weiter auf die französischen Gegner. Schmerz verspürte er offensichtlich überhaupt keinen und er brach erst zusammen, als der Blutverlust zu groß wurde. Das Thema Verdrängung lässt mich nicht mehr los und ich will wissen, wie man das denn wohl steuern kann, wenn die Natur diesen Effekt denn schon für so überaus sinnvoll erachtete.

Mein Schwiegervater schenkt mir einen Laptop, der sich als überaus nützlich herausstellen soll. Leider verfügt die Uni-Klinik über keinerlei Internet-Zugänge für Patienten. Nur über einen uralten Fernseher mit Zimmerantenne im Gemeinschaftsraum. Mein Zimmer hat ein leeres Zweitbett und ein Telefon mit Drehscheibe. Die Toilette für alle Patienten befindet sich in Kalkutta – am Ende des Ganges.

„Sicherlich hat man alle verfügbaren Mittel in die Ausstattung des OPs gesteckt, damit Du ganz, ganz toll operiert werden kannst“ hilft mir Suse über den Schock hinweg. Klar, wir sind ja nicht zum Spaß hier. Vor uns liegt eine Menge Arbeit.

„Abarbeiten“ wird zu einer immer häufiger benutzten Umschreibung für uns. Meine Operation wird Professor Rudert leiten. Eine seiner letzten, er geht in den verdienten Ruhestand, wie man mir sagt. Er ist der Erfinder der sogenannten „Brachy-Therapie“, was mir aber gar nichts sagt. Irgendeine Saurier-Art hieß so ähnlich. Ich hoffe, dass dem Professor an einem schicken Abgang gelegen ist und er sich noch einmal voll ins Zeug legt.

Vieles in solch einer Uni-Klinik sieht nach wohltuender Routine aus, das wirkt irgendwie verlässlich. Die kennen das, das machen die schon sehr, sehr lange so, die werden auch bei Dir nicht patzen. Und gleichzeitig möchte ich kein routinierter, durchlaufender Posten sein, ich möchte auffallen, möchte, dass man sich besonders aufmerksam um mein Leben bemüht. Keine Ahnung, wie man das anstellen könnte.

Mein Leben, mein einziges......

Der Wendekreis meines Krebses

Die unfassbare Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004 brachte unzähligen Menschen den Tod – mir brachte sie die Kraft meines alten Lebens zurück. Mehr noch, die Umstände einer lebensbejahenden Neugestaltung meines selbstdefinierten Restlebens sollten sich kreativer und kraftvoller entwickeln, als je erwartet.

Meine erste Begegnung mit „Jiaogulan“ fand auf dem Nightmarket von Chiang Mai statt. Als Freund von rebusartigen Wortspielen stolperte ich zunächst über die Bezeichnung „Immortalytea“ auf dem Bauchschild eines Straßenverkäufers. Die Abbildung eines fünfblättrigen Fingerblattes ließ mich zunächst an einen schlitzohrigen Dealer denken. Dieser Gedanke tauchte erneut auf, als ich die gleiche Pflanze auf einem Plakat wieder erkannte, allerdings die verschnörkelte Thai – Schrift nicht verstand. Ich notierte mir die lesbare Website, die klein auf dem Plakat erkennbar war, um später im Internet der Sache nachzugehen. In deutscher Sprache waren jedoch so gut wie keine Informationen zu diesem Zeitpunkt verfügbar.

Wir befanden uns in Chiang Mai, um uns über ein Projekt von Prof. Jürgen Zimmer zu informieren, der im Dschungel dezentrale Basis-Schulen für ausgesetzte oder verwaiste Kinder entwickelte. Diese „ School for Life“ sollte das konzeptionelle Modell werden, das am anderen Ende Thailands, in Khao Lak später das großartige Projekt „ Beluga School for Life“ ergeben würde. Wir hatten mit Freunden durch ein Benefiz-Konzert 20.000.- Euro in das Projekt eingebracht. In Chiang Mai lernte ich Kai Wingenfelder), den Sänger der in Auflösung begriffenen Band „Fury in the Slaughterhouse“ kennen, der im improvisierten Dschungelstudio mit anderen namhaften Musikern die Benefiz-CD „HOME“ produzierte. Durch die engagierte und altruistische Arbeit am gleichen Projekt wurden wir Freunde.

Zum Konzept dieser großartigen Elementar-Schulen in dezentralen Regionen gehört neben dem Unterricht in Tourismus-Marketing und traditionellen Künsten auch eine Ausbildung in ökologischem Landbau. Und so fand ich die fünfblättrigen Pflanzen auch in den Beeten wieder, die von Aids-Waisen im Norden Thailands und von Tsunami-Waisen im Süden angelegt waren.

Dazu muss man vielleicht wissen, dass der thailändische König Bumiphol, ein überzeugter Anhänger der TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin ist. Er hatte die Mediziner seines Landes gebeten oder angewiesen, das sogenannte  "Unsterblichkeitskraut“ auf eine medizinische Relevanz und speziell auf seine mögliche Verwendung in der Onkologie zu untersuchen.

Und von genau diesen Themen handelte auch jenes ominöse Plakat, das meine Aufmerksamkeit fixiert hatte. Im Hotel in Chiang Mai half man mir, die Inhalte und Tagungsthemen zu übersetzen, denn auf dieser Tagung über Komplementärmedizin standen bedeutende Mediziner auf der Referentenliste. Unter ihnen der inzwischen weltbekannte chinesische Onkologe Li Pei Wen. Dieser genießt das höchste Privileg eines Professors in der chinesischen Universitätshirachie: er darf Staatsratsmitglieder behandeln.

Sein Vortrag über Jiaogulan und seine Verwendung in der Onkologie dürfte die medizinische Fachwelt entscheidend beeinflusst haben. Ich hatte also – noch in Thailand – einen Informationsweg für mich entdeckt.

Da mir im Dschungel Chiang Mai’s ständig das notwendigerweise als Speichelersatz mitgeführte Trinkwasser zur Neige ging, ich aber Leitungs- und Depotwasser misstraute, begann ich, mir den „Immortaly Tea“ im Camp aufzugießen. Hatte mir zuvor das tropische – feuchtwarme Klima und ein heftiger Durchfall durch die ungewohnte Ernährung zu schaffen gemacht, so besserte sich dieser Zustand schon nach zwei bis drei Tagen. Aber das registrierte ich lediglich am Rande. Als Krebsbetroffener, der mit den Spätfolgen zerstrahlter Speicheldrüsen und „Fatique“ zu kämpfen hat, stehen wichtigere dinge auf der Prioritätenliste. Ich erbat mir einige Ableger meiner Entdeckung. Zwischen nassen Tempo-Taschentüchern in einer Plastiktüte, ohne Unrechtsbewusstsein in den Koffer gelegt, erreichten meine neuen grünen Freunde Norddeutschland. Erst Jahre später, ausgelöst durch eine neue Brüsseler Spitze, erfuhr ich, dass dieser „Schmuggel“ möglicherweise unliebsame Folgen hätte haben können. Die EU-Verordnung „Novel Food“ verbietet Jahre später solche „illegalen Importe“, man spricht von „invasiven Pflanzen“ und nennt unschöne und abschreckende Beispiele von sogenannten „Bio-Invasoren“.

Doch davon ist man im Jahre 2005 noch weit entfernt. Absurde Gedanken und Konspirations-Theorien über eventuelle Einflüsse börsennotierter Pharmakonzerne beeinflussen das Internet noch nicht einmal im Ansatz. Google verzeichnet gerade einmal drei Einträge, wenn man das Suchwort „ Jiaogulan“ eingibt.

Meine an geschützter Stelle im heimischen Brunsbütteler Garten ausgepflanzten Mitbringsel mögen den dithmarscher Marschboden anscheinend sehr. Neben meiner Ateliertätigkeit und der Organisation der seit 2004 expandierenden Spaßveranstaltung „WATTOLÜMPIADE“ bemerke ich mich mit großer Freude, dass sich meine grünen Freunde auf dem Weg zur Dachrinne befinden. Der Halbschatten unter unserem Feigenbaum, der sogar Früchte trägt, mag die Pflänzchen an die Urwaldheimat erinnert haben.

Ich esse täglich einige zarte Blätter, die ich ohne Plan und Konzept im Vorbeigehen abpflücke. Sie erinnern mich geschmacklich an den Sauerampfer, den wir als Kinder am Neufelder Deich gern pflückten.

Überlebensrezepte

Die Integration in unseren Ernährungs-Kreislauf hat sich ebenfalls erfreulich entwickelt. Da Jiaogulan über geringen Eigengeschmack verfügt, sind frische Blätter praktisch mit jedem Salat kombinierbar. Kuriose Varianten mit Getränken, wie Jiaogulan-Holunderblüten-Sekt, wie diverse Kräuterliköre verheißen zwar nette Geschmacksvarianten, über das Verhältnis von Wirksamkeit und Alkohol wissen wir jedoch so gut wie nichts. Ausgekochte Teeblätter in Spinat gemischt, kennt man auch in Thailand und China. Auch in Tierfutter wird dieser letzte Rest ehrfurchtsvoll einer allerletzten Nutzung zugeführt.

Maltherapie

Die radiologische Behandlung, die Bestrahlung von Zunge, Kehlkopf und Umgebung mit hochdosierten Strahlen endete in einer katastrophalen Schlussphase. Die bizarren Gerüste von Zahnkronen hatten zickzackförmige Blasen rund um meine zuvor operierte Zunge entstehen lassen. Mit jeder Bestrahlung wurden diese größer. Den unerträglichen Schmerz versuchte man mit Morphium in den Griff zu bekommen. Mein anfängliches Gejammer wich einem qualvollen Gewimmer. Zuletzt krallte ich mich nur noch mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Teppichboden. Ein weiteres Problem gesellte sich hinzu: Morphium reduziert die Kontraktionen des Magens und die Peristaltik der Speiseröhre und des Schluckverhaltens. Bald verließ jeder Löffel Suppe den Körper auf dem gleichen Weg, wie sie ihn betreten hatte. Man sagte mir, der Bestrahlungsablauf könne auf keinen Fall unterbrochen oder reduziert werden. Ich verlor 15 Kilo in kurzer Zeit, Selbstvertrauen und Überlebenswillen. Im Rollstuhl wurde ich für die begleitende Chemotherapie an den Tropf gefahren.

Da sich das ganze Drama bereits über ein halbes Jahr erstreckte, gerieten wir zudem in wirtschaftliche Bedrängnis. Als Künstler hat man neben einer kontinuierlichen Produktion wenig Sicherheiten. Schon gar nicht, wenn man in der Provinz lebt und weder über Mäzene oder offizielle Förderung verfügt. Unter dem Dach, in meinem Atelier wartete jedoch mein letzter Auftrag still und vorwurfsvoll auf der Staffelei: ein großformatiges Gemälde für die holländische Reederei Kotug.

Ich ließ mir eine „PEG“, eine Magensonde auf eigenen Entschluss legen und informierte mich bei meinem Hausarzt über sogenannte „Astronauten-Nahrung“. Diese können beispielsweise Koma-Patienten oder Verbrennungsopfer über einen Tropf zugeführt werden. Offiziell hatte mich niemand über diese Möglichkeit informiert. Ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, wann genau mich der Gedanke beschlich, aber ich Glaube, in dieser Situation entstand meine Vorstellung von dem, was ich heute unter „Patientenkompetenz“ verstehe.

Ein wenig, aber auch nur ein wenig Kraft kehrte zurück, der materielle Druck, die finanziellen sorgen stiegen. Die Schmerzen blieben nicht nur, mit jeder Bestrahlung wurden sie unerträglicher. Eines Morgens kämpfte ich mich Stufe für Stufe, am Handlauf hochziehen die Treppe ins Atelier hinauf. Immer wieder innehaltend, verschnaufend, von Zweifeln geplagt: „Du bist von dieser starken Morphium-Dosierung richtig matschig im Kopf – Du versaust das Gemälde. Lass es sein!“

Irgendwie habe ich es an die Staffelei geschafft. Anfangs unsicher, lange musste ich über treffende Farben und Pinsel nachdenken. Aber irgendwann gab ich wohl das besorgte und grüblerische Regiment ab. Einige Stunden später war ich „im Bilde“, als wäre wenig geschehen, was mich davon hätte abhalten können.

„Du hast überhaupt noch nichts gegessen – und wie bist Du eigentlich hier hoch gekommen?“ Die Stimme meiner Frau Susanne holte mich unvermittelt in die Realität zurück. „Und was machen Deine Schmerzen heute?“ Plötzlich waren sie wieder da – in voller Härte und mir war, als entströmte mir meine Kraft wie einem angestochenen Luftballon.

Der Morphium-Entzug – und ich benutze diese Bezeichnung mit einigem Ausdruck – sollte nach Meinung meines Hausarztes nicht gerade mit einem „Cool Turkey“ einhergehen. Tat er dann aber doch. Nach Schüttelfrostnächten mit von Schweiß durchtränktem Bettzeug und einem harten Aufwachen auf dem Fußboden des Badezimmers habe ich einen Mordsrespekt vor Junkies, die diesen qualvollen Prozess durchstanden.

Später las ich im Stern, dass mir diese Torturen, Nebenwirkungen und Entzug erspart geblieben wären, wenn man sich in Deutschland endlich für eine Liberalisierung von THC entschließen würde. Aber solange kenntnisarme Parlamentarier Schmerzpatienten wie Kiffer einstufen, bleibt dieser Weg leider unnötig steinig.

Das Gemälde wurde also nach und nach in kleinen Schritten fertig. Ich meine sogar, dass man ihm am Ende nicht ansah, unter welch grenzwertigen Bedingungen es entstand. Weit wichtiger noch: ich hatte Lebenswillen und Motivation für meine eigene Form von einem Kampf gegen „meinen Krebs“ zurück erobert.

Jahre später entwickelte ich aus dieser Erkenntnis eine eigene Maltherapie. Als ich diese kostenfrei für Schmerzpatienten in den Westküstenklinken zur Verfügung stellen wollte, lehnte man mein Angebot, mit der Begründung ab, mir würde die notwendige pädagogische Ausbildung fehlen.

Unsere Facebook-Seite, die wir als virtuelle Selbsthilfegruppe verstehen, nennt sich "Jiaogulankultur"

Karitatives Engagement

Jens Rusch initiierte u.a. die "Wattolümpiade" in Brunsbüttel. Das ist ein Spaß-Event, mit dem bereits weit über 300 000.- € erstritten wurde. Mit diesem Geld initiierte er u.a. das Krebsberatungszentrum Westküste, in Zusammenarbeit mit der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft. Wichtige Impulse für den Ausbau der palliativen Versorgung an der norddeutschen Westküste wurden von ihm und seinen Mitstreitern, dem "Wattikan" initiiert. Dazu gehören Stammzellen-Typisierungen genau so, wie die Organisation von jährlichen Krebs-Informationstagen und der Ausbau von Angehörigenzimmern auf den Palliativstationen.
Zum Programm der Krebs-Informationstage gehören regelmäßig auch Vorträge über Komplementärmedizin und Patientenautonomie.
Mit teilweise stattlichen Geldsummen wurde auch das Kinderhospiz in Meldorf unterstützt, sowie die Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft. Maltherapie und Trauerarbeit gehört heute zum Standard des Krebsberatungs-zentrums in Brunsbüttel.

Unterm Tuch

Punktierung oder Punktion, keinesfalls Interpunktion – ist mir auch echt scheißegal. Als ich bemerke, dass die dicke Spritze in der Petrischale schamhaft mit einem Tüchlein überdeckt wurde, überkommt mich zum ersten Mal Angst. Gaukelei, verdammte Gaukelei. Den Juden erzählte man etwas von Duschen, als man sie unter die Cyklon B- Köpfe stellte. „Weshalb spielt denn hier eigentlich niemand mit offenen Karten?“ „Es ist schon vorgekommen, dass Patienten die Punktierung verweigerten, wenn sie die dicke Spritze sahen“. „So schlimm wird das doch nicht sein, sie werden doch sicherlich so etwas wie eine örtliche Betäubung vornehmen?“ „Eben leider nicht, das würde den Befund verfälschen“.

Halleluja! An das Anstechen und schlürfende Absaugen des winzigen Fleischfetzens aus meinem halben Hühnerei werde ich beim Betriebsgeräusch veralteter Espressomaschinen immer wieder erinnert. Dass dieses halbe Ei so etwas wie eine mögliche Metastase war, musste ich mir später selbst zusammenreimen, erklärt hat mir das niemand. Aber dass der Lymphgürtel im Halsbereich so etwas wie ein Schutzwall sei und dass ich dadurch möglicherweise Glück haben könnte.

Erst als es um Einweisungsformalitäten und Hinweise an meine Versicherung ging, fiel endlich das Wort „Krebs“. Verdrängung ist in diesem Fall wohl etwas bilaterales, ich kann es mir nicht erklären. Vermutlich hatte ich es ja längst geahnt, zumindest hätte ich es ahnen können. Aber konkret gefragt habe ich auch niemanden. Und im Nachhinein kann ich mich auch an diesen Punkt am nebulösesten erinnern.

MRT nach der zweiten Operation.
Zungengrundtumor entfernt, Radical Neck-Dissection.

Die Hydra in meinem Körper

Das Schwert gegen die Hydra in meinem Körper, die so unvermittelt und brachial mein Leben gefährden sollte, würde jemand anders führen. Ich lernte Professor Rudert als besonnenen, souveränen Menschen kennen, dessen Abschlußarbeit die Entfernung des daumennagelgroßen Tumors aus meiner Zunge werden sollte. Danach würde er in München seinen Ruhestand endlich seiner Familie widmen. Was konnte das für mich bedeuten? Entweder profitierte ich von lebenslang erprobter Routine oder fiel der bereits zittrigen Hand eines alten Chirurgen zum Opfer. Die Sorgen zerstreuten sich auch nicht, als ich erfuhr, dass er lediglich die operativen Einsätze seines Chefchirurgen überwachen würde und nur noch selten selbst zum Skalpell griff.

Nach der Operation konnte ich trotz Sprechkanüle im Luftröhrenschnitt nicht sprechen. Der Kehlkopf, die Stimmbänder hätten durch den Tubus bei der Anästhesie Schaden genommen: „Wir mussten das Röhrchen geradezu um die Ecke schieben.“ Ein Narkosearzt bedient sich des Vokabulars eines Klempners. Vermutlich schafft das Distanz. Mein Schwiegervater schaffte einen Laptop heran. Bald erschien auf Tastendruck in großen Buschstaben: “JA; ES TUT WEH!“ So empfing ich tagelang jeden Besuch. Mit einem Lehrbuch beschäftigte ich mich mit Photo-Impact und erprobte erste Schritte zum Aufbau einer eigenen Website. Während wir einige Tage auf die Analyse des per Laserschwert entfernten Tumors warteten. „Die Kraft sei mit Dir“.

Es sollte aber anders kommen.

Die Ganzkörpertomographie hatte unendlich lange gedauert. In jeder Region des Körpers wurde nach Heckenschützen gesucht, nach Schläfern und Doppelagenten. Durchfall und ein starker Husten machten die enge Röhre nicht gemütlicher. Das maschinengewehrartige Geknatter klang nach erster Fronterfahrung: „Einatmen, Luft anhalten, Klick, ausatmen.“ Die Salamitechnik, mit der man lebende Körper in analysierbare Scheibchen zerlegt. „Versteckt euch ruhig, ihr Mistdinger – wir werden euch finden.“ Das Gefühl ein starkes Instrumentarium einer Uni-Klinik ins Feld führen zu können und mit kampferprobten Ärzten im Schützengraben zu liegen, inspirierte mich später zu einer kurzen Glosse.* Die Kraft war noch mit mir, aber sie verließ mich schlagartig, als Prof. Rudert mich und Susanne in sein Besprechungszimmer bat. Suse hatte mich nach der Tomographie gestützt und gemeinsam waren wir bedächtig, geschwächt und grübelnd zu meinem Feldlager zurück geschlichen.

„Leider habe ich schlechte Nachrichten für Sie. Wir haben ihren Tumor nicht komplett erwischt.“ Es war jetzt also „ mein Tumor, mein Besitz, meine Schuld, mein mögliches Verhängnis“. „In einer weiteren Operation werden wir weit ins Gesunde schneiden. Fasern Ihres Tumors reichen schwer visualisierbar in Zunge und möglicherweise auch weiter.“ Noch stand ich, noch war die Kraft mit mir.

„Ich muss Sie jetzt mit einer Möglichkeit vertraut machen, mit einer Wahrscheinlichkeit. Leider können wir erst während der Operation über diese Schritte entscheiden. Dann kann ich Sie aber nicht aus der Narkose holen, um sie um Ihre Einwilligung zu fragen.“ Ich erfuhr nun also, dass man mir möglicherweise meine Zunge komplett entfernen müsse. Da dieser Eingriff per Laser nicht zu bewerkstelligen wäre, müsse man den Unterkiefer zersägen und wie ein Scheunentor öffnen. „Aber machen Sie sich keine Gedanken, wenn sie aufwachen, sind Ihre Unterkiefer mit Draht wieder zusammen gefügt. Die T-förmige Narbe können sie ja später von einem Bart überwachsen lassen. Frauen können das nicht.“ Der letzte Satz sollte vermutlich ein lockerer Ausflug in die Realität sein. Das war diese schöne Welt, die mir gerade den Rücken zugekehrt hatte.

„Natürlich ergibt das am Zungengrund eine ziemlich große Wunde, die „gedeckelt“ werden muss. Das machen wir gewöhnlich mit diesem Hautlappen.“ Er zeigte auf meine Pulsadern am Handgelenk. „Eine Weile muss dieser optimal durchblutete Hautlappen noch mit ihrem Arm verbunden bleiben, während er bereits den Zungenstumpf abdeckelt. Hierfür wird Ihr Arm einige Wochen am Kopf fixiert…“ Beim letzten Satz bin ich mir nicht sicher, ob er ihn wirklich so gesagt hat. Ich höre noch ein dumpfes Plumpsen auf hartem Kachelboden.

Als ich wieder denken konnte, bemerkte ich auf dem Raucherbalkon eine Gruppe amüsierter Frischoperierter. Wenn sie sich auf die Brust klopften, kamen aus dem Tracheostoma lustige Rauchringe. Es schien sich um einen Wettbewerb zu handeln. Als es einem der Patienten gelang, einen kleineren Ring durch einen Großen zu blasen, wurde laut und begeistert geklatscht.

Professor Rudert machte einen betroffenen Eindruck, jedenfalls hoffte ich, dass es ein solcher sein könnte: „Wir haben, soweit möglich ins Gesunde gelasert. Leider wird erst die endgültige Analyse des entfernten Gewebes (inzwischen daumengroß) darüber entscheiden, ob die Zunge komplett entfernt werden muss.“ Suse nahm sich ein Zimmer im benachbarten Hotel Reuter und ich machte mir Gedanken darüber wie sinnvoll Angehörigenzimmer sein könnten. Das qualvolle Warten auf den Gewebebefund Lässt sich gemeinsam besser ertragen. Das Lernen am Laptop wurde durch die Schmerzmittel immer holpriger.

Der Befreiungsruf wurde seitens des Klinikteams geradezu zelebriert. So, als würden sich alle ehrlich mitfreuen. Ich weiß nicht, wie oft es vorkommt, dass Klinikpersonal und Patienten gemeinsam Tränen in den Augen haben. Immerhin ist Verdrängung hier ein Mittel psychischer Stabilisierung. Aber es handelte sich schließlich um Freudentränen. Der Tumor war raus. Ein erster Etappensieg.

Zwischen diesen Operationen und der späteren Bestrahlungs-Orgie, wie ich sie von anderen Patienten nennen hörte, lagen die Weihnachtsferien. In dieser Zeit festigte sich ein Gefühl der Dankbarkeit, das hilft sonst nur nach dem Aufwachen und während der Folgetage auf den Intensivstationen. Man hatte mir mein Leben vorerst erhalten – und ich verspürte den Wunsch, irgendetwas zurück zu geben.

Etymologie der Hoffnung und der Verdrängung

Die deutsche Sprache ist verräterisch. Dringt man zu ihren Wurzeln, so kommt nach dem bedeutendsten Wortmetz der deutschen Nachkriegsliteratur Arno Schmidt „Allerlei zum Vorschwein“. Man kennt verniedlichende Wortschöpfungen, wenn es um die Lagerung von Atommüll geht. Da spricht man frech und beschönigend von “Entsorgungsparks“. In meiner Heimatstadt verpackt man die Ratlosigkeit in „Interimslager“. Dass man eine noch näher definierende Distanz bei der Entdeckung meines Tumors - der sich ja immerhin ziemlich in der Mitte meines Kopfes befand – mit dem Wort „Raumforderung“ umschrieb, ist ein schönes Beispiel von Chaos-Poesie. Wem aber hilft diese poetische Distanz? Nimmt das Wortspiel den Schrecken? Oder erleichtert es den Depeschen-Dienst für den Überbringer der Botschaft?

Als mir die Lymphknoten während der „Radical Neck-Desection“ an der gesamten linken Kopf- und Halsseite entfernt wurden, sprach man danach von einem meisterhaft vernähten „Golfschläger-Schnitt“. Diese Form hat die 35 cm lange Narbe auch tatsächlich. Sie reicht vom oberen linken Ohrbogen bis übers Schlüsselbein zum Kehlkopf. Ihre ganze Schönheit erzielte sie, weil mir praktisch das halbe Gesicht hochgeklappt wurde, um Lymphknoten fein säuberlich von Sehnen und Muskeln, Gefäße und Schlagader zu „schälen“. Mimik und Lippenbewegung nahmen dauerhaft Schaden. Aber es gibt ja auch positive Wortschöpfungen – und dass ein „negativer“ Befund etwas durchaus Positives bedeuten kann, hat der Krebspatient schnell rausgefunden.

Dieses zumindest bei der Jagd nach Rezidiven, nach Metastasen oder „Trabanten“.

Die Bezeichnung „Unsterblichkeitskraut“ hatte für mich von Anfang an etwas überaus poetisches, es machte mir einfach Hoffnung. Nein, wirklich unsterblich, das wollte ich ja gar nicht werden – aber ein paar Jährchen dürften es gern noch sein. Zumindest, um die wichtigsten der noch ungemalten Bilder noch auf die Leinwand zu bringen. Diese poetische Übersetzung des Wortes „Jiaogulan“ scheint aber nicht nur für mich diese Ausstrahlung zu haben. Das erfahren wir immer wieder in Gesprächen mit Krebsbetroffenen oder gesundheitsbewußten Menschen. Dabei kennen durchaus auch andere Kulturen dieses Wort. Das altgriechische „Aezoon“ bedeutet „ewiges Leben“ und ist eine Umschreibung für ein Kraut, das der Volksmund auch „Moui“ nennt und Glaukos zugeschrieben wird. Der Sohn des Königs Minos, der durch den Genuss dieses Krautes unsterblich wurde, sei mittels dieses Krautes vom Tod auferstanden. Deshalb tauchen auch ihre Namen in der poetischen Beschreibung dieser Pflanze auf. Bekannt ist auch der Kräuterbezug, der zum Symbol der doppelhelix-artig gewundenen Schlange führte, das jede Apotheke im Logo führt.

Als der Sohn des Königs Minos verschwunden war, rief man das Medium Polyeidos. Dieser beobachtete den Flug der Vögel und fand den Jungen in einem riesigen Honigtopf. Er war beim Naschen darin ertrunken. Gegen seinen Willen wurde Polyeidos mit Glaukos in der Gruft eingesperrt, um ihm das Leben zurück zu geben. Als sich eine Schlange durch eine kleine Maueröffnung dem Leichnam näherte, erschlug Polyeidos diese mit einem Stein, denn er wollte, dass Glaukos die Unterwelt unversehrt erreiche.

Kaum hatte Polyeidos den Schock verwunden, kroch eine zweite Schlange in die Gruft. Als sie den toten Artgenossen bezüngelt hatte, kroch sie ins Freie zurück. Nach kurzer Zeit jedoch kam sie wieder, ein grünes Zweiglein im Schlangenmaul. Sobald sie das tote Tier damit berührte, kehrte das Leben in das Tier zurück. Polyeidos, der den Vorgang erstaunt verfolgt hatte, nahm das Kraut und berührte damit das Knäblein Glaukos. Dieser begann augenblicklich sich zu bewegen. Und so kehrte Glaukos ins Leben zurück. Dieser Mythos wurde zum richtungweisenden Symbol für Alchimisten, Kräuterheilkundler – und heute halt für Apotheker und Pharmazeuten. Wir wissen nicht, welches Kraut die Schlange brachte. Es könnte auch Jiaogulan gewesen sein – oder etwas ganz anderes.

Das Symbol steht seit Jahrhunderten für die unablässige Suche des Menschen nach Heilkräften, primär in der Natur und da soll mir eine poetische Sprache, ganz gleich, ob sie nun Nähe oder Distanz schafft, durchaus recht sein.

Stark gegen Krebs

Die Tatsache, dass meine Freunde und Mitstreiter des sogenannten „Wattikan“ mit der Benefiz-Veranstaltung „Wattolümpiade“ bereits über 120.00.- Euro and die Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft gespendet hatten, sollte noch kein Garant für die Anerkennung der Gemeinnützigkeit sein. Man war unumstößlich der Meinung, dass ein einziges Veranstaltungswochenende hiefür kein hinreichendes Argument sei. Daher weiteten wir unser Konzert aus und veranstalteten 2008 erstmals die „Brunsbütteler Krebsinformationstage“, die jeweils über mehrere Wochen laufen. Da diese inzwischen von Krebsbetroffenen und deren Freunden und Familien außerordentlich geschätzt werden, kann man dem Finanzamt für diese Entwicklung fast dankbar sein.

Eine Galerie bietet als Veranstaltungsort deutlich weniger Barrieren als eine Klinik. Die eingeladenen Referenten werden grundsätzlich aufgefordert, ihre Vorträge aus Patientensicht zu gestalten. So ergab sich ein interessanter Mix aus Lesungen mit krebserfahrenen Autorinnen wie Annette Rexrodt von Fircks , Miriam Piechau und Miriam Köthe, dem Klinik-Hypnotiseur Jan von Berg und zahlreiche Onkologen zu Themen wie beispielsweise IMRT, Brachy-Therapie, Zytostatika, genetisch bedingter Erkrankungsgefahr, Fatique und psychosozialen Aspekten. Razuan !! Gleichzeitig setzt sich jede Informationsreihe auch mit ganzheitlicher Behandlung und Komplementärmedizin auseinander. Dabei kommt dem Interesse an Jiaogulan ein ganz besonderer Stellenwert zu.

Die eingeladenen Referenten lassen sich sogar von unserem Engagement inspirieren. So nahm beispielsweise der selbst krebsbetroffene Arzt Dr. Bernd Schmude die Idee unserer Initiative „Stark gegen Krebs“ mit nach Frankfurt zurück. Dort gründete er die Parallel-Initiative „Stark gegen Krebs e.V.“ mit bundesweiter Vernetzung und stabilem Vereinstatus. Ein Teil der Benefiz-Erlöse des Vereines landet bei uns, der Urmutter des Gedankens.

Die erste Generation

Über einen Dithmarscher, der in Peking mit einer Chinesin verheiratet ist, erhielt ich 2006 eine große Menge Jiaogulan-Samen. Diese stammten direkt aus jener Region der Hundertjährigen, unweit der Fundstelle der Terrakotta-Armee. Unser neuer Freund versorgte uns nicht nur mit unübersetztem Schrifttum über die TCM und zahlreichen Naturpräparaten – er nahm auch Kontakt zu Professor Li Pei Wen auf. Sein Eifer wird verständlich, wenn man weiß, dass seine Mutter sich im WKK Heide gerade einer Chemotherapie unterziehen musste. Leider starb sie wenige Monate später.

Für uns schien alles auf einem besseren Weg, denn die Samen ließen gute Zuchten und weitere kostenlose Kulturen für Krebsbetroffene erwarten. Meine Prognosen im Internet und in einem Interview der Lokalzeitung riefen jedoch einen Warnruf und einige tiefgreifende Gespräche ins Leben.

Ein holländischer Gentechniker, der sich in Dithmarschen um Kohlveredelung und stabile Nachzucht kümmert, riet sehr dringend von der Nachzucht aus Samen ab:“ Niemand schreit heute mehr auf, weil holländische Treibhaus-Tomaten kaum noch wie ihre italienischen Ursprünge schmecken und wie der hier angebaute Chinakohl einmal im Ursprungsland schmeckte, weiß ohnehin niemand, aber Sie versuchen, hier in diesem Klima Heilkräuter anzusiedeln. Da muss man verantwortungsbewusster als bei Gemüse vorgehen!“ Für mich als Laien, an dem in der „Volksschule“ sogar das Basiswissen um Mendels Theorien vorbei geglitten war, folgten Belehrungen, die meine Sicht weiten sollten.

„Sagen Ihnen Namen wie Lyssenko und Mitschurin etwas?“ Ich erinnerte mich schwach an den Barfußprofessor und den Gartengott, die mir bei meinen Stöbereien im Internet begegnet waren. Sprossmutationen und winterfähiger Weizen aus Odessa. „Wenn ich mich recht erinnere, gehörte Mitschurin in der DDR zum Standardunterricht?“ „Ja, aber primär, weil er entdeckte, dass Marmelade Fett enthält.“ Den Satz hatte mein Opa aus Stavenhagen mitgebracht: „Drum essen wir zu jeder Speise Marmelade eimerweise“ Mitschurin kreuzte geradezu besessen hunderte von Obstsorten. Sie sollten vor allem frostsicher sein, weil er an eine Nutzung in Sibirien dachte. Die Winterbutterbirne und die ertragreiche Antonowka, die es locker auf anderthalb Pfund brachte.

Solche Informationen gehören anscheinend heute zum Standardwissen von Gentechnikern und Agrarökonomen. „Der Mitschurin hat alles wild miteinander gekreuzt, Kürbisse mit Melonen, Mandelbäume mit Pfirsichen und nannte das dann „ Liebesheiraten verschiedener Pflanzenarten“. Das war zwar sehr interessant und ich mag solche Gespräche, aber „Was hat das mit unseren Jiaogulan-Samen zu tun?“ Mein holländischer Experte wusste auch hierauf eine Antwort: „Mitschurin lieferte uns Gentechnikern geniale Steilvorlagen. Er kastrierte Pflanzen, um auszuschließen, dass sie sich selbst befruchteten. Er schickte Bauern mit Pinzetten und Pinseln über die Äcker, um Staubbeutel zu entfernen und Pflanzen künstlich zu bestäuben. Dafür haben wir in Marne hermetisch abgeschlossene Treibhäuser mit Bienenschleusen.“

Mitschurin war auch der Vorreiter der sogenannten „Jarowisation“, so nannte er die Versommerlichung des Weizens. Das Getreide wurde vor der Aussaat in „Keimstimmung“ gebracht, als würde es sich um Tiere handeln. Die Samen wurden rund um die Uhr beleuchtet, mit Schwarzlicht bestrahlt. Offene Fenster sorgten für Minusgrade. „Ja, man glaubt sogar, dass man Weizenkeime, wenn man sie lange genug in einen Kühlschrank legt, auch in den Frostregionen Sibiriens anbauen könnte.“ Mir drängte sich eine Frage auf: „Ich habe mich immer gefragt, woran es wohl genau scheitern würde, auf Sylt Palmen-Alleen anzulegen. Immerhin sieht der Sandstrand einigen Südseeinseln doch sehr ähnlich.“

„Ich nenne das mal höflich einen „kreativen Darwinismus“, und diese Vision macht Gärtner und Pflanzengroßhändler reich“, urteilte mein Gesprächspartner.

„Der schnelle Käufer urteilt über Optik und Preis. Überlebt die schöne Bogaivillea nicht, oder das Gemüse schmeckt nach nichts, dann hat er halt Pech gehabt und sucht den Fehler bei sich selbst.“ „Ja klar – und wer reklamiert schon, wenn Herbst und Winter nach dem Erwerb der Pflanze bereits ins Feld zogen?“ „Sehen Sie, so langsam verstehen wir uns! Und Sie wollen eine Pflanze von möglicher medizinischer Bedeutung so einfach aus Samen züchten? Ihr fehlt nahezu alles, was ihr half, im Ursprungsland Kraft und Wirkung in ihren Genen zu entwickeln: der Sonnenlauf und der langsame Anstieg der Tagestemperatur, gleichzeitig der Abfall der Nachtfeuchtigkeit, die Lichtstärke und die Dauer der Dunkelphase. Haben Sie darüber überhaupt Kenntnisse, Herr Rusch?“

„Nun, die könnte ich mir über das Internet erarbeiten, außerdem habe ich Kontakt zu „Siamese Traders“, einer ökologisch arbeitenden Plantage in Chiang Mai.“ „Und wenn Sie die Informationen haben, wie simulieren Sie dann diese Umweltbedingungen?“ „Keine Ahnung, keine Möglichkeiten“ – ich musste passen. Mein Plan schien wie eine Seifenblase zu platzen. Mein Gesprächspartner schien meine Resignation zu bemerken: „Ich werde Ihnen jetzt einmal etwas über eine sichere Möglichkeit erzählen, über die sogenannte „vegetative Vermehrung“, die man auch „genetische Vermehrung“ nennt, aber lassen Sie bitte den Unfug mit den Samen.“

Doch zunächst erzählte er mir noch, weshalb ihn der Zeitungsartikel dazu gebracht hatte, das Gespräch mit mir zu suchen. Sein Bruder war an Krebs gestorben. Eine Chemo und eine Operation hatte er konsequent abgelehnt und stattdessen auf eine sogenannte „alternative Heilmethode“ vertraut. Dabei hatte er ein kleines Vermögen an unsinnige Methoden und Rezepturen vergeudet. Er nannte mir einige davon, aber ich habe mich entschlossen, diese nicht zu nennen, um Betroffenen, die möglicherweise bereits solche „Therapien“ begonnen haben, nicht zu verunsichern.

„Eine Pflanze, die nicht aus einem Samen, sondern aus einem genetisch originalem Teil einer Ursprungspflanze entwickelt wurde, also aus der sogenannten „ersten Generation“ enthält deutlich mehr ursprüngliche Anteile. Die Folgen dieser „vegetativen Vermehrung“ lassen sich bei Obst und Gemüse leicht durch den Geschmacksverlust verifizieren. Bei medizinisch relevanten Wirkstoffen geht das nicht so einfach. Die können sie weder sehen, noch riechen, noch schmecken.“

„Ja, aber wie kann ich dann sicherstellen, dass eine Pflanze nicht verfälscht in die Hände von Betroffenen gerät?“ „Es gibt nur eine Methode – weisen Sie den gesamten Pfad der Gestehung dieser Pflanze nach – und verteidigen Sie ihn!“

Schluß jetzt

Eine Rückfahrt ohne Bodenhaftung. Suse fährt und mein Zahnarztfreund Klaus muss nun echt mal Händchenhalten. Er kennt das. So, als würde er einem Patienten die bevorstehende Extraktion eines faulen Backenzahnes nahe bringen. Dann kommt er, der allererste, nicht mehr steuerbare Heulschub. Solch ein abgründiges Schluchzen ist für mich fast erschreckender, als der Grund hierfür. Wie kann man sich nur so weibisch und verzweifelt gehen lassen? Und jetzt hagelt es neue, weichenstellende Ratschläge:

„Du darfst jetzt weinen! In solch einer Situation darf das jeder!“ Von diesem Freibrief werde ich noch häufig Gebrauch machen. Aber erst einmal muss ich das ganze apokalyptische Szenario ausloten: „Hilfst Du mir, selbst Schluss zu machen, wenn die Schmerzen unerträglich werden?“ Keine günstige Gesprächsvoraussetzung für meine Freunde. Auch in den kommenden Wochen ist hierfür eigentlich niemand so richtig zu begeistern.

Während ich mir Hirnfunktionsstörungen ausmale, die an die schönsten LSD-Räusche meiner längst zurückliegenden Hippie-Zeit erinnern, an Inkontinenzwindeln und seitliche Notausgänge, ist allen Freunden absolut und ausschließlich daran gelegen, mich von jedem Gedanken in diese Richtung abzudrängen.

Deshalb muss ich selbst beginnen, befreundete Ärzte anzurufen und so lange es geht, auch zu besuchen. Langatmige Gespräche über Euthanasie und den hypokratischen Eid beginne ich immer häufiger und immer unhöflicher abzukürzen. Als ich dann jemanden gefunden habe, der mir im Extremfall zur Seite stehen wird, ist das Thema auch erst einmal abheftbar und die unvermeidlichen Operationen können in Angriff genommen werden. Die Computerausdrucke über humanes Sterben hefte ich im gleichen Ordner ab, wie das Stern-Sonderheft über „Ärzte für eine Legalisierung von Cannabis in der Onkologie“. Mein Notfall-Fundus.

Beim Gang durch meine Heimatstadt kommt es mir so vor, als würde man sich abwenden, die Straßenseite wechseln, um lästigen Krankheitsgesprächen aus dem Weg zu gehen. Vielleicht auch, weil man – ähnlich wie es mir selbst immer geht, wenn ich jemandem kondolieren muss, einfach nicht weiß, was man denn in „solch einer Situation sagen soll.“ Ich beginne, zu verstehen, wie sich Behinderte fühlen müssen. Und dann kommt eine Wut hoch, für die ich mich schäme: „Ihr Arschlöcher dürft weiterleben- und ich muss sterben.“ Das darf man nicht einmal denken, ich weiß. Und ich kann mich nicht dagegen wehren, ich denke es trotzdem. Besonders dann, wenn ich den Dorfalkoholiker vorbeiwanken sehe, die Penner in den Kieler Anlagen, die Punker und Arbeitsverweigerer. „Ihr lebt, und ich muss sterben“. Vielfalt, Anpassung und Auslese - irgendwie haben wir mit unserer Sozialromantik die Darwinschen Konzepte auf den Kopf gestellt. Ein alter Film kommt zurück: „Soilent green“ mit Charlton Heston. In welcher Hirnwindung hatte der sich nur versteckt gehalten? Und dann wird mir klar, wie unendlich alt dieses Thema eigentlich sein muss. Und wie einsam jeder war, der darüber nachgedacht hat.

Und dann sagt meine liebe Suse den alles entscheidenden Satz: „Bist Du Dir eigentlich darüber im Klaren, wie egoistisch Du denkst? Hast Du nur einen Moment daran gedacht, was aus mir werden soll – ohne Dich“. Ein Paradigmenwechsel, wie ein knackender, umgelegter Lichtschalter.

An der Krebsfront

.... nichts Neues.

"Glauben Sie wirklich, dieses sei der richtige Moment, über ein Chemiewaffen-Verbot zu diskutieren?" Leutnant Onko hatte Mühe, die Motivation seiner kleinen Truppe in den Schützengräben aufrecht zu erhalten. "Es kann nur noch wenige Stunden dauern, bis unsere Kavallerie mit neuen und besseren Skalpellen anrückt" .Der Obergefreite Karzinom wandte sich leise an seinen Nachbarn, der im Schlamm des frisch ausgehobenen Grabens müde vor sich hin dämmerte: "Das verspricht er immer, wenn ihm nichts mehr einfällt. Gestern schwadronierte er noch über die neuen, extrem zielgenauen Photonen-Strahlwaffen, faselte etwas davon, daß er alle Hoffnung auf die Schwerionen-Waffen setzen würde, aber am Abend erreichte ihn dann die Nachricht aus dem Hauptlazarett, der Hersteller hätte alle wirksamen Waffen an China verkauft".

Resigniert zückte der blutjunge Gefreite Blastom die Schultern: "Sicher wieder solch ein Schützengrabengerücht, um uns Angst vor kerngesunden Chinesen zu machen, die dann den Westen überrollen".

Die Sicht war diffus, aber man konnte förmlich spüren, dass die Frontlinie immer näher rückte. Vereinzelte Schreie von gefolterten Gefangenen waberten über das Schlachtfeld. Grabsteine, Grabkreuze und längst vertrocknete Sträuße auf den Gräbern kennzeichneten eine makabre Frontlinie. Einige der Grabsteine waren aus Glas, das natürlich in der Morgenfrühe mit Tau beschlagen war. Vereinzelt suchten sich Tropfen einen Weg in den Boden, wie Tränen. Diese gläsernen Steine dienten als Platzhalter. "Totgesagte leben länger" frotzelte Blastom, wohlwissend, dass er eine unsinnige Platitüde strapazierte.

Das Mausoleum am Rande des Gräberfeldes war früher einmal eine Universitätsklinik gewesen. Kurz nach Beginn dieses Krieges war es allerdings in Feindeshand geraten und der überwiegende Teil der Schreie und das ständige Wimmern kam aus dieser Richtung. Onko hatte den Auftrag, dieses Mausoleum als Erstes zurück zu erobern, ganz gleich, was es an Menschenleben kosten würde.

Als Oberleutnant Pankreas in den Schützengraben stolperte, fuhren alle erschrocken zusammen. Niemand hatte ihn kommen sehen. "Soldaten, Ihr wisst alle, dass Früherkennung die Grundvoraussetzung für Euer Überleben ist! Bleibt also bitte wachsam. Wir planen eine grosse Offensive !" Mutige Worte, an einen kleinen verzweifelten Haufen gerichtet, der sich längst auf dem Rückzug wähnte.

"Die Kavallerie wird uns schon seit Wochen angekündigt, wir hängen hier waffentechnisch völlig am Tropf" insistierte Leutnant Onko zaghaft. Mit lauter und fester Stimme wiederholte Pankreas den Satz, den längst niemand mehr hören mochte: "Die Hoffnung stirbt zuletzt, Männer !"

"Und die Wunderwaffen aus dem Führungsbunker in Freiburg, die Eigenblutversorgung für Freiwillige, die Stammzellen-Reinkarnation für austherapierte Frontopfer, was ist damit ?" In das betroffene Schweigen mischte sich das heiserne Krächsen eines Krähenschwarmes, der auf dem Schlachtfeld nach Essbarem scharrte. "Da sitzen die Etappenhengste drauf - Sie wisssen alle, wie langsam die Versorgungsmühlen mahlen !" So richtig überzeugend klang Oberleutnant Pankreas in diesem Moment für niemanden.

"Andererseits hat unser Feind ein Gesicht ! Das ist doch schon ein taktischer Vorteil auf dem Felde. 19 ooo Todesfälle durch Kunstfehler entziehen sich dieser Kenntnisnahme - in den Lazaretten kämpft man nicht nur nicht mit offenem Visier, sondern verstößt sogar dreist und drastisch gegen das Vermummungsverbot. Damit wird die Unterscheidung zwischen Freund und Feind fast unmöglich gemacht." "Ja, aber es kann doch beileibe keine Rede von einem Gleichgewicht der Kräfte sein, oder von der >"Wahl der Waffen< , das ist doch alles Unsinn" ereiferte sich der Obergefreite Karzinom, der dem Leutnant Onko ins Wort fiel. "Der Feind ist uns immer etliche Schritte voraus - und oft genug entscheidet diese Strecke zwischen Leben und Tod. In den letzten Wochen haben unsere Sanitäter fast ausschließlich Tote vom Schlachtfeld geborgen. das ist doch längst keine Frage mehr von Vorsprung und Geschwindigkeit, machen wir uns doch nichts vor, Kameraden."

 



Schmerzmittel machen es mir schwer, einen Skizzenblock zu füllen. Wirre Wahrnehmung und ein langweiliges weißes Laken. Künstlerische Herausforderungen sehen anders aus. Aber Gedanken kann man auch anders ausdrücken, deshalb beginne ich mit meinen Notizen auf dem Laptop. Meine handschriftlichen Aufzeichnungen konnte ich am nächsten Tag selbst nicht mehr lesen.

Ölgemälde von Jens Rusch
"Der Krebs ist ein Kriegsherr, der seine Gefangenen grausam zu Tode foltert"

Die Ergebnisse

Meine zu dem Zeitpunkt noch vierteljährlichen Nachuntersuchungen erfreuten mich und erstaunten meine Ärzte. Die Kontrolle der PSA-Werte wurde bald als überflüssig erachtet. Auch die unkontrollierbaren, ohnmachtsähnlichen „Fatique-Anfälle“ erfolgten seltener. Langsam zwar, aber in deutlich immer größeren Abständen.

Keine Einflüsse zeigten sich jedoch zunächst auf einen weiteren meiner Hauptfaktoren der Restlebensplanung. Depressive Schwankungen, unter denen ich bisweilen seit der Krebs-Diagnose leide, werden anscheinend kaum durch Jiaogulan beeinflusst. Man muss sich ohnehin in seiner Hoffnung und in seinem Glauben bezüglich Heilerwartung arg zügeln. Schon der Name „Unsterblichkeitskraut“ auch wenn er wenig mehr als eine poetische Übersetzung sein sollte, stellt aus meiner Sicht ein diskussionswürdiges Signal dar.

Im Herbst 2005 erntete ich meinen ersten, überaus stattlichen Wintervorrat, kurz bevor sich die norddeutsche Natur verfärbte. Im modernden Laub einer Dachrinne hatte die Pflanze frech Fuß gefasst und Wurzeln und Rhizome gebildet. Diese pflanzte ich in Töpfe und diese überwinterten in meinem Atelier.

Im Garten starben nach dem ersten Frost auch die kräftigsten Jiaogulan-Triebe ab. Das sah deprimierend aus, aber ich hatte ja meine Töpfe im Atelier. Mein Plan „B“ sah vor, notfalls noch einmal nach Thailand zu fliegen, sollten meine grünen Freunde den norddeutschen Winter nicht überleben. Leider sah unsere Urlaubskasse solch eine aufwändige Reise nicht vor. Auf Sponsoren, wie die Lufthansa oder Beluga war auch nicht mehr zu hoffen.

Umso größer war meine Freude, als im März darauf die ersten Pflänzchen ihre Nasen in die noch unbeständige Frühlingsluft steckten. Deutlich mehr, als ich im Herbst gepflanzt hatte. Die Rhizome hatten sich, ähnlich wie beim unbeliebten „Giersch“ unter der Oberfläche verbreitet.

Da ich nun, zusammen mit den im Atelier inzwischen in stattlichen Hängeampeln überwinterten Pflanzen über weit mehr Zöglinge verfügte, kam mir ein folgenreicher Gedanke: Sollte es mir gelingen, einen Betrieb zu überzeugen, mir ein Treibhaus zur Verfügung zu stellen, so könnte ich Zuchtpflanzen an andere Krebsbetroffene verschenken. (Was für mich selbst gut ist, muss ja für andere nicht unbedingt schlecht sein.) Der nächste Schritt müsste dann eine Einschleusung in unseren oft ungesunden Ernährungskreislauf sein. Das klingt gewagt, ist aber keineswegs absurd. Schließlich wurde man in Zentral-China auf die Wirkung von Jiaogulan aufmerksam, weil in der Region VM (..?..) sehr viele Menschen leben, deren Alter deutlich über 100 Jahre liegt. Daher auch die poetisch liebevolle Umschreibung „Unsterblichkeitskraut“.

Ein Aufruf in der Lokalpresse setzte einen Stein ins Rollen. Ich konnte tausende von Setzlingen verschenken. Ein befreundeter Bäcker entwickelte gemeinsam mit einem koch ein wirkstoffschonendes Brot-Rezept. Dass dieser Koch am gleichen Zungengrund-Tumor erkrankt war, ebenfalls im Uni-Klinikum Kiel operiert wurde, hatte eine wichtige, öffentliche Resonanz. TV-Koch Thies Möller wurde und wird, genau wie ich, von Frau Prof. Ambrosch betreut, auch dieses ein wichtiges Signal für Krebsbetroffene dieser Region.

Unsere Aktivitäten im Rahmen der Benefiz-Veranstaltungen „WATTOLÜMPIADE“ erbrachten nicht nur weit über 209.000 Euro an Erträgen, die wir gemeinsam mit der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft für sinnvolle Projekte einsetzen. Sie brachten auch Akzeptanz für komplementärmedizinische Informationen. Die seit 2008 von uns organisierten Krebs-Informationstage ergänzen unsere Krebs-Beratungsstellen in den beiden Westküstenkliniken. Neben hochkarätigen Fachreferenten bemühe ich mich in jedem Jahr um neue Informationen von komplementärmedizinischer Relevanz. Und dazu gehört auch Jiaogulan.

Heute findet man im Internet hunderttausende Seiten über die Bedeutung dieser Pflanze – und ganz sicher wirkt sich dieser „Segen“ auf die Bilanzen von Importeuren, Händlern und Züchtern aus. Dort, wo ein Bedarf sich seinen Weg sucht, dort entsteht naturgemäß auch ein kommerzielles Interesse. Das ist an sich noch nichts Verwerfliches. Eine lückenfreie Versorgung ist ganz ohne Zweifel im Interesse von engagierten Menschen, denen eine Verfügbarkeit für alle Krebsbetroffenen am Herzen liegt.

Übersteigt jedoch die Nachfrage diese Verfügbarkeit, dann ist der Ideenreichtum derer, denen Ertrag und Gewinn wichtiger sind, als das Wohl von Betroffenen, bisweilen kurios bis skrupellos. Man entdeckt beispielsweise Rasenschnitt in Teemischungen, man erfuhr von Körben und Einkaufswagen, die man mit in holländischen Treibhäusern geernteten Blättern in beheizte Öfen von Töpfereien geschoben hatte. Vermutlich, damit sich die Blätter beim Trocknungsprozess so aufrollten, wie man es von diversen chinesischen Teesorten kennt. Außerdem besorgt man sich gern Samen, um Unmengen von wirkstoffarmen Pflanzen in Treibhäusern für den Billig-Verkauf in Baumärkten und bei Ebay zu forcieren. Der Besteller erfährt dort über die Wirksamkeit der bestellten Pflanze nichts. Wer sich am Preis orientiert, aber den therapeutischen Nutzen ignoriert, wird möglicherweise unwissentlich bestraft.

Ein wichtiger Umstand von gesetzlicher Tragweite erschwert eine klare Differenzierung: wer Produkte, und in diesem Sinne ist eine Zuchtpflanze ein Produkt, mit einem Heilversprechen in den Handel bringt, macht sich strafbar. Da aber bislang keine Labor-Untersuchungen vorliegen, kann selbst die Stiftung Warentest nicht bewerten. Der Käufer kann sich also lediglich über die Kenntnis der Herkunft und des Vertriebsweges Sicherheit verschaffen.

Deshalb habe ich meine eigenen, möglicherweise laienhaft anmutenden Versuche auch ausschließlich als Selbstversuche verstanden. Immer ausgehend von jenem aus Thailand mitgebrachten genetischen „Urstamm“, habe ich mich über alle vorstellbaren Varianten vegetativer Vermehrung informiert. Die Kenntnisse, die ich im eigenen „Atelier-Labor“ entwickelte, reichen inzwischen von Rhizomen, Absenkern, bis hin zu Stecklingen in Steinwolle-Pfropfen in schwimmenden Wurzelsystemen. Natürliche Wurzelförderer wie Algenextrakt und alle möglichen Varianten von Tierdung haben wir im Laufe der Jahre verglichen.

Diese Erkenntnisse wurden und werden in Foren und bei Facebook diskutiert. So ist ein wertvoller Ideen-Pool entstanden.

Kinder-Hospiz
Maltherapie im Kinder-Hospiz
Hospiz-Mitarbeiterinnen
Hospiz-Mitarbeiterinnen
Maltherapie mit Krebsbetroffenen im KBZ
Maltherapie mit Krebsbetroffenen im KBZ
Maltherapie im WKK Heide
Maltherapie im WKK Heide
Mit Dagmar Berghoff
Mit Dagmar Berghoff
STARK gegen KREBS mit Peter Maffay
STARK gegen KREBS mit Peter Maffay
STARK gegen KREBS mit Sky Dumont
STARK gegen KREBS mit Sky Dumont
STARK gegen KREBS mit Heino Nölke
STARK gegen KREBS mit Heino Nölke
STARK gegen KREBS mit Björn Both (Santiano)
STARK gegen KREBS mit Björn Both (Santiano)